Im Tal der Tränen

Verfasst von Sina Paulsen - am 23. September 2018

Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt: so könnte man das vergangene Wochenende ganz gut zusammenfassen, aber starten wir am Anfang.
Vom 14. bis 16. September fand in diesem Jahr wieder das Landesmusikfest Schleswig-Holstein statt. Austragungsort war in diesem Jahr das Hamburg-nahe Norderstedt.

Schon vor vielen Monaten begannen wir uns auf dieses Wochenende vorzubereiten, wussten wir doch, dass die Konkurrenz in diesem Jahr sehr stark sein würde. Hinzu kam, dass wir den Wanderpokal, der für die meisten Punkte in der Marsch- und Konzertklasse vergeben wird, gerne wieder mit nach Hause nehmen wollten, würde er doch dann für immer uns gehören, da wir ihn bereits die letzten zwei Male gewonnen hatten. Wie gewöhnlich bereiteten wir uns akribisch auf die Konzertwertung vor und fanden in Tobias Lempfer wieder einen hervorragenden Komponisten und Dozenten. Hinzu kam in diesem Jahr jedoch die starke Fokussierung auf das Marschieren, da wir dort in diesem Jahr sehr starke Konkurrenz hatten. Wir setzten zusätzliche Marschproben am Montagabend an und übten was das Zeug hielt.
Am Samstagmorgen ging es dann um 8 Uhr in privaten PKWs los gen Norderstedt. Auf der Fahrt wurden alle über die Spielmannszug-WhatsApp-Gruppe über die Musikauswahl in den verschiedenen Autos auf dem Laufenden gehalten. Der Musikgeschmack unserer Mitglieder erwies sich als sehr vielfältig ;-)
Wir kamen gut durch die Dörfer und über die Autobahn und erreichten um 10 Uhr die Schule in der wir in dieser Nacht schlafen sollten. Da Sonja aus der Gegend kommt, lag es natürlich nahe, dass sie für dieses Wochenende unsere Betreuerin war. Sie wies uns in die Klassenräume und die Sicherheitsvorkehrungen ein und wir bezogen unser Lager, das doch kleiner war, als im Vorfeld angenommen. Aber wir haben schon ganz andere Sachen überlebt und es wurde dann halt ein wenig kuschelig.
Um 11:00 Uhr fuhren unsere beiden Autos mit den Instrumentenanhängern los zum Festsaal, in dem unsere Konzertwertung stattfinden sollte. Wir anderen Musiker nahmen unsere Flöten und traten zu Fuß den 15-minütigen Wanderweg an. Dort angekommen bauten wir die Instrumente auf und begannen um 11:45 Uhr mit dem Einspielen und dem Stimmen. Man merkte nun deutlich die steigende Anspannung unter den Musikern, der mit Selter, Traubenzucker und ermutigenden Worten Einhalt geboten werden sollte. Zu allem Überfluss war Tobias als Wertungshospitant anwesend und würde in wenigen Minuten sein für uns komponiertes Stück „Rungholt“ zum ersten Mal hören. Der Druck wurde also nicht weniger.
Voller Adrenalin betraten wir um kurz vor 13 Uhr die Bühne, bauten die Instrumente auf und stimmten ein letztes Mal. Dann ging es los. Wir eröffneten unsere Wertung mit dem Stück „Connemara“. Nach dem Abriss gab es von unserem Dirigenten Thore ein wohlwollendes Nicken und viel Applaus vom Publikum. Dann folgte die Uraufführung des Stückes „Rungholt-Saga“. Wir gaben unser Bestes und versuchten an alles zu denken, was Thore, Sonja und Tobi uns in den letzten Wochen und Monaten eingetrichtert hatten. Die Arbeit sollte sich lohnen, denn nach dem Abriss gab es nicht nur jede Menge Applaus, sondern sogar Standing Ovations. Einige von uns waren so erleichtert und verblüfft über die Reaktion des Publikums, dass sie ihre Tränen noch auf der Bühne nicht zurückhalten konnten. Puh, der erste Teil war geschafft. Thore, Anna und Sonja gingen zum Kritikgespräch und wir anderen verstauten die Instrumente wieder in den Anhängern. Kurz darauf ging es wieder zu Fuß zur Unterkunft, wo wir einen Augenblick ausspannen konnten.
Doch die Entspannung währte nur kurz, denn schon um 15:15 Uhr machten wir uns auf zum zweiten Teil unserer Wertungen, dem Marschieren. Auf dem benachbarten Sportplatz schauten wir uns kurz unserer Konkurrenz an, was den Druck zum Glück gar nicht erhöhte ;-) und drehten noch ein paar letzte Übungsrunden ohne Musik auf dem Nebenplatz.
Dann war es soweit und wir durften endlich beweisen, ob unsere zusätzliche Arbeit Früchte getragen hatte. Der Parcours war uns zum Glück im Vorwege bekannt und so versuchten wir auch hier alles abzurufen, was wir in den letzten Monaten gelernt hatten. Nach dem Ende der Wertung und dem Abmarschieren flossen bei einigen Musikern erneut Tränen. Dieses Mal jedoch nicht nur vor Erleichterung, sondern auch vor Enttäuschung über die eigene Leistung. Es wurden laut den Betroffenen riiiiiiiesige Fehler gemacht, die die Wertungsrichter gar nicht übersehen konnten. Von unseren Betreuern und „Nicht-Marschierern“ bekamen wir jedoch zumeist positives Feedback. Jetzt hieß es Abwarten und den Abend genießen.
Wir tauschten die Uniform mit bequemer Kleidung und fanden uns alle zum Pizza essen in der Aula ein. Nach dem vielfältigen Gaumenschmaus stand ein trauriger Tagesordnungspunkt an. Da dies der letzte Auftritt unseres Dirigenten Thore mit uns sein würde, da er beruflich nach Niedersachsen gezogen ist, musste natürlich ein Verabschiedungsgeschenk her. Thekla hielt eine tolle und lustige Rede über Thores Zeit im Spielmannszug und bei vielen Musikern glitzerte wieder das ein oder andere Tränchen im Augenwinkel. Thore erhielt ein Fotobuch mit vielen, vielen Erinnerungsfotos und von seinen engsten Freunden eine Trommel mit guten Wünschen und Benzingeld, damit er uns mal wieder besuchen kommen kann. Leider müssen wir in Zukunft auch ohne zwei unserer Schlagwerker auskommen, die aus verschiedenen Gründen den Verein verlassen. Doch bei Demian und Lennart schwingt bei uns noch die leise Hoffnung mit, dass sie es sich vielleicht noch einmal anders überlegen.
Nach diesem doch eher traurigen Abschnitt gingen wir wieder zu etwas Fröhlicherem über. Wir machten uns um 20:30 Uhr zu Fuß auf, um uns die Bundeswehr Big Band anzuhören und auf der anschließenden Musikerparty ordentlich abzutanzen. Dort wurde dann kräftig das Tanzbein geschwungen und die letzten Musiker trudelten um 1 Uhr mit dem Shuttlebus wieder in der Schule ein.
Am nächsten Morgen hieß es dann frühstücken, packen und aufräumen. Nachdem wir alles wieder in unseren Autos verstaut und die Klassen gefegt hatten, fuhren wir erneut zum Stadtpark, wo auch schon am Vorabend die Musikerparty stattfand, und hörten uns einige Platzkonzerte an und aßen Mittag. Dann wurde es ernst. Wir stellten uns ein wenig Abseits zum Sternenmarsch auf und erreichten um 14 Uhr den Platz der Wertungsbekanntgabe. Da wir als einer der letzten Vereine aufmarschierten, standen wir erwartungsgemäß ganz hinten. Nach kurzer Zeit fiel uns auf, dass auf der Bühne bereits gesprochen wurde, bei uns allerdings kein Wort davon ankam. Das war natürlich für eine Wertungsbekanntgabe relativ ungünstig. Sollten die Platzierungen per Stille Post durchgegeben werden? Der verzögerte Jubel wäre sicher lustig gewesen. Allerdings entschieden wir uns dann doch dafür am vorderen Rand und etwas abseits des Platzes unsere Position einzunehmen. Die Spannung bei Beginn der Wertungsbekanntgabe war kaum zu ertragen. Zuerst wurden die Platzierungen und Punkte in der Konzertklasse verlesen. Nachdem wir unsere Konkurrenten hinter uns lasse konnten, freuten wir uns über den 1. Platz mit dem Prädikat „Hervorragend“ und 91 von 100 möglichen Punkten besonders, hatte sich doch die harte Arbeit gelohnt. Es folgte die Bekanntgabe der Marschwertung. Sollte unser Punktepolster aus der Konzertwertung für die, aus unserer Sicht, verkorkste Marschwertung ausreichen? Wir wurden in dieser Klasse Dritter mit einer beachtlichen Punktzahl von 85. Die ersten Köpfe rauchten beim zusammen- und gegenrechen der Punkte. Wir trauten noch nicht uns zu freuen, es könnte uns ja noch irgendein Kniff entgangen sein, der uns den Traum vom Landesmeistertitel hätte zerstören können. Als jedoch Kay Prieß den Landesmeister verkündete und er unseren Namen trug, gab es kein Halten mehr. Wir lagen uns in den Armen und zum wiederholten Male an diesem Wochenende flossen die Tränen in Strömen. Wir hatten es geschafft und der Pokal gehörte uns für immer. Wir marschierten freudestrahlend und unter Beglückwünschungen der anderen Vereine ab und genossen auf dem Parkplatz unseren Lohn für all die Mühen.
Es folgte, was wir das ganze Wochenende versuchten zu verdrängen: der endgütige Abschied von Thore. Es flossen, mal wieder, ihr könnt es euch denken, allerhand Tränen. Selbst bei Thore und Michael gab es kein Halten mehr. Das „Ende“ stand unweigerlich bevor. Einige von uns standen noch lange auf dem Parkplatz und versuchten das Unausweichliche hinauszuzögern, doch irgendwann wurde es Zeit. Es gab eine letzte große Umarmung und dann stiegen alle in ihre Autos und machten sich Richtung Norden davon, während Thore die südliche Richtung einschlug. Aber einen Silberstreif gibt es doch am Horizont: Thore kommt zum Kirchenkonzert und dirigiert noch einmal unsere beiden Wertungsstücke. Das sollten Sie sich nicht entgehen lassen…

Ach, und an den McDonalds-Verkäufer, bei dem Thore an diesem Abend etwas zu Essen gekauft hat: Er war nicht so gerührt von ihrem freundlichen Wesen und dem reichhaltigen Angebot. Das Glitzern in seinen Augenwinkeln hatte einen anderen Grund… ;-)

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